Norwegen kulinarisch: Der Fredagstaco

Nor­we­gen, das Land, das so ziem­lich das ent­ge­gen­ge­setz­te Jin zu Mexiko’s Jang ist. Ein wenig wie Mün­chen und Ham­burg, nur halt zwei Grö­ßen­ord­nun­gen mehr. Was wäre da ver­wun­der­li­cher als die­ser Fakt: nach Mexi­ko ist Nor­we­gen der größ­te Taco-Kon­su­ment per Capita.

Ok, die­ser Fakt ist zum Teil umstrit­ten, aber eine 2021 Mas­ter The­sis von Miri­am Ange­la Fol­land mit de Namen „Taco Nor­way: The Histo­ry of a Natio­nal Dish” behaup­tet genau das.

44% aller Nor­we­ger essen min­des­tens ein­mal pro Woche einen „Taco”, wobei man hier klar­stel­len muss: mit den Tacos Mexi­kos hat der nor­we­gi­sche Taco nur noch wenig gemein. Auf den Fre­d­agsta­co gehö­ren Gur­ke, Papri­ka, Mais, und Røm­me (oder Seter­røm­me), Schlag­rahm. Zusam­men­ge­baut wird er am Tisch, und die „OG” Vari­an­te (50% oder mehr essen ihn so) nutzt Old El Paso Würz­mi­schung auf Hack­fleisch (Schwein oder Rind, manch­mal Ren­tier). Old El Paso ist eine natio­na­le Ein­rich­tung, „50% off Fri­days” auf Taco Shells und Sea­so­ning sind schon fast nor­mal im Land und wer­den bei der Ein­kaufs­pla­nung einkalkuliert.

Taco-Shop­ping am Freitag

Nor­ma­ler­wei­se wer­den hier auch die har­ten Mais­t­acos („hard shell”) genom­men, statt den wei­chen Tacos aus Mais oder Wei­zen in Mexi­ko. Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel, und beson­ders im Wes­ten des Lan­des wird mehr und mehr Lom­pe, ein Kar­tof­fel­teig-Pfann­ku­chen (der Kar­tof­fel­bru­der des nor­we­gi­schen Lef­se) genutzt.

History is whack, yo

In den 60er Jah­ren gab es in Sta­van­ger im Süd­wes­ten des Lan­des einen Ölboom. Ame­ri­ka­ni­sche Ölar­bei­ter, vor­wie­gend aus den Ölstaa­ten Texas und New Mexi­co, kamen in den Tau­sen­den nach Nor­we­gen, um dort den neu­en Boom des schwar­zen Gol­des mit­zu­neh­men. Die Super­märk­te mit Fis­ke­bol­ler und Fåri­kål am Wochen­en­de waren dann aber nicht ganz so der Geschmack der Neu­an­kömm­lin­ge, wes­halb der Super­markt­be­sit­zer Allert Mid­delt­hon begann, Tex-Mex-Zuta­ten (Old El Paso ganz vor­ne) zu importieren.

Tacos waren exo­tisch und mach­ten Spaß, die „am Tisch selbst zube­rei­ten” Ideo­lo­gie gefiel den Nor­we­gern als Teil des „fre­d­ags­kos” (der gemüt­li­che Frei­tag­abend) ganz gut. Weni­ger Arbeit beim Kochen, mehr Gesel­lig­keit, und anders als die sons­ti­gen Gerich­te (meis­tens Piz­za) auch viel kommunaler.

In den 80ern und frü­hen 90ern hat­te der Fre­d­agsta­co das Land fest im Griff. Old El Paso warb aggres­siv an Don­ners­ta­gen, und Super­märk­te stell­ten (wie auch für die som­mer­li­chen Pøl­se) am Frei­tag den Laden um, um Gän­ge nur mit Zuta­ten für den neu­en Natio­nal­brauch bereitzustellen.

Nor­we­ger wis­sen, dass das kein „mexi­ka­ni­sches Essen” mehr ist. Ist aber geil, und (sie­he auch Authen­tisch oder inno­va­tiv?) genau das ist der Zweck des Taco. Eben die Anti­the­se zum apo­plek­ti­schen Hecheln ande­rer (*hust* Ita­li­en *hust*) Küchen, wenn man es wagt, das Dog­ma zu hin­ter­fra­gen. Auf sei­ne Art ist der nor­we­gi­sche Fre­d­agsta­co (ob die Nor­we­ger das so wol­len oder nicht) viel mexi­ka­ni­scher als man denkt – ein gei­les Essen unter Freun­den oder Fami­lie das Spaß macht und indi­vi­dua­li­siert wer­den kann.

Eine Antwort verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert