Weil das Lino’s geschlossen war, entschieden wir uns sehr kurzfristig, unseren BBQ‑Fix im anderen Joint der Stadt, dem Chicago Williams, zu beziehen. „Welcome Bitches” sagt die Webseite, und verspricht für 90€ „A true showcase of Texas BBQ classics, all served on one tray – an absolute must for every BBQ lover.” Challenge accepted, bitches.
Zur Begrüßung gab’s eine kleine Maiscreme-Jalapeño-Suppe auf’s Haus, eine liebenswerte Geste, die ziemlich genau die „Beanpots” texanischer Joints spiegelt, an denen man sich bedient, bevor man sich für das Fleisch in die Schlange stellt. Angeblich „etwas scharf”, meine Geschmacksknospen hingegen meldeten: schlicht lecker. Von Schärfe keine Spur, dafür Mais und Happiness.
Als hätte man mich erwartet—oder weil es Dienstag war und damit Taco Tuesday nun mal Gesetz ist—kam als Vorspeise genau das: ein Birria Taco. Birria ohne Consomé grenzt an kulinarische Körperverletzung, und … tatsächlich! … das Schälchen stand daneben. Der gute erste Eindruck hielt: die Tortilla auf der Plancha leicht kross angebacken, das Birria saftig und würzig, der Dip leicht rauchig, ausdrucksstark, mit einem sanften Kitzeln im Rachen, welches meinen Geschmackerinnerugen alte Geschichten aus der Sonora-Wüste zuraunte.

Ich gebe zu: Ich hatte fast schon ein bisschen Pipi in den Augen: Es schmeckte. Endlich. Monatelang bin ich für dieses Blog dem Geschmack der Borderlands durch Deutschland hinterhergereist, und heute, hier in Berlin, lag mir ein Taco in der Hand, der genau das einlöste.
Dann kam die BBQ Platter für zwei.
Zwei Streifen Brisket, mengenmäßig etwas anämisch, ein Rack Ribs, Pulled Pork, Spicy Links mit Käse und ein halbes Hähnchen. Dazu bestellten wir Coleslaw, Baked Beans, Caesar Salad und Mash’n’Gravy—die Beilagenauswahl eines Menschen, der einfach nur essen und keine Entscheidungen mehr treffen wollte.

Das Brisket: großartig. Saftig bis zur Tropfkante, mit feinem Räucheraroma und einem Rauchring, den man noch vom Nebentisch aus erkennt. Die Pfefferkruste hat es allerdings etwas zu gut gemeint—das ist eher West Texas als das zurückhaltendere Austin, aber unbestreitbar Texas.
Das Pulled Pork kam mürbe und würzig auf den Teller, vermisste jedoch etwas den Rauch, den das Brisket so selbstverständlich mitbringt. Kein Beinbruch, eher eine Fußnote.
Und dann die Ribs. Ja, beim spätabedlichen Bud Light des BBQ Propheten, die Ribs. Memphis Style mit einem semi-sweet Mop—BBQ-Jargon für die aufgestrichene Sauce, weil sie traditionell mit etwas aufgetragen wird, das verdächtig nach Feudel aussieht. Butterzart, aromatisch und ungefähr so texanisch wie ein Elvis-Imitator. Für Schwein ist Memphis aber nie die falsche Adresse.
Bleibt das Chicken: saftig, rauchig, beherzt gewürzt und damit neben dem Brisket das eigentliche Highlight der Platte. Auch hier kein Texas—was, wie schon bei den Ribs, eher für die Küche spricht als gegen sie.
Die Beilagen rangierten von sehr gut (Coleslaw und Mash) und gut (Cesar Salad) bis etwas uninspiriert (Baked Beans), waren aber wirklich nur Beiwerk. Gutes Texas BBQ kommt ohne Sauce, Beilage, Besteck, und Teller aus. Und auch wenn wir alle vier hatten, gut war’s trotzdem.

Gegart wird in einem vom Gastraum aus einsehbaren J&R Smoke-Master, das Warmhalten übernimmt ein Retigo Combi. Damit landet Chicago Williams verdammt nahe am Texas Style—jedenfalls deutlich näher als so mancher anderer deutscher Joint, der dank Rauchverordnung und der schlichten Bequemlichkeit der Bedienung längst auf Elektro oder gleich auf Pellet-Smoker im Combi umgestiegen ist.
Mit 130€ für zwei Personen war der Besuch sicher kein Billiger, aber durchaus ein lohnenswerter.


