Ab wann ist ein Rezept oder ein kulinarisches Verfahren eigentlich „alt”? Sind die Rezepte einer Julia Child oder das Werk Escoffiers schon antik? Wie wäre es mit einem, vielleicht sogar dem ältesten Verfahren der Kulinaristik?
Nixtawas?
Unter Nixtamalisation versteht man die Behandlung von getrocknetem Mais mit einer alkalischen Lösung (meist Kalkwasser, aber auch Holzasche wurde und wird verwendet). Dieser Prozess verändert die chemische Struktur des Maiskorns grundlegend. Das Ergebnis ist ein Teig, der als Masa bezeichnet wird.

Der Begriff leitet sich aus der Nahuatl-Sprache ab (nextli für „Asche/Kalk“ und tamalli für „Mais-Teig“). Das Verfahren wurde vor etwa 3.500 Jahren in Mesoamerika entwickelt. Es war die technologische Voraussetzung für den Aufstieg der Maya- und Azteken-Zivilisationen, da es Mais von einer einfachen Kalorienquelle zu einem nährstoffreichen Grundnahrungsmittel machte.
Mais ist ein C4-Gewächs, was genau das ist, ist hier eklärt (Vorsicht: Wissenschaft und Botanik und so). Wichtig ist für uns erst einmal hier, dass mit diesem Korn die mesoamerikanischen Stämme für wenig Aufwand viel Nahrungs-Energie bekamen. Zur Lagerung und Verwendung als Teig, mussten – vor allem in den damaligen, noch nicht auf dem heutigen Stand gezüchteten – die Körner aber behandelt werden. Die Antwort war, genau, die Nixtamalisierung. Damit konnte der Mais nicht nur für geschmeidige Teige eingesetzt, die Masa konnte, getrocknet, auch für lange Zeit gelagert werden.
Bisschen Lebensmittelchemie gefällig?
Die Chemie dahinter ist nämlich ziemlich elegant und effizient…
Das Alkali bricht die Hemizellulose-Struktur der Zellwände auf. Dies macht das Korn weich und löst die äußere Schale (Perikarp) ab.
In unbehandeltem Mais ist Niacin fest an Proteine gebunden und für den menschlichen Körper unverdaulich. Das Alkali setzt das Niacin (Vitamin B3) frei. Ohne diesen Schritt führt eine maisbasierte Ernährung zwangsläufig zu Pellagra (einer Mangelkrankheit). In den Küstengebieten war das nicht so sehr ein Problem, weil dort ebenfalls das Räuchern von Fisch für den Winter praktiziert wurde, aber besonders in den Inlandsregionen in denen im Winter außer Mais und Fetten wenig konsumiert wurde, war die Nixtamalisation eine wichtige Sache.

Gleichzeitig wird durch den Prozess das Verhältnis der essenziellen Aminosäuren verbessert, was die Proteinwertigkeit erhöht. Mais war damit auch für eine Ernährung arm an Fleisch und Fisch geeignet, was ebenfalls im Winter half. Und zu guter Letzt werden Stärkemoleküle im Inneren des Korns werden teilweise gelatinisiert, was die Bindungseigenschaften für die spätere Teigherstellung entscheidend verändert.
Lust auf Selbermachen?
Masa kann man, in sehr guter Qualität, vom Spezialitätenladen oder online beziehen. Selbermachen ist hier also eher eine Übung und vielleicht ein nettes Projekt für ein müßiges Wochenende, damit man sagen kann, man hat’s mal gemacht. Und so geht’s:
- Nimm 1 kg getrocknete Maiskörner (am besten spezieller Dent-Mais/Flint-Mais, kein Futtermais).
- Löse 10–15 g Calciumhydroxid (Lebensmittelqualität, auch als Pickling Lime bekannt) in ca. 2 Litern Wasser auf.
- Gib den Mais in das Kalkwasser und bringe es zum Kochen. Lass es für ca. 20–40 Minuten leicht köcheln.
- Schalte die Hitze aus und lass den Mais für 8–12 Stunden (über Nacht) im Wasser ruhen (der „Steep”). Bis zu 24 Stunden sind OK.
- Gieße das Wasser ab und wasche den Mais gründlich unter fließendem Wasser. Du musst die äußere Schale (den Perikarp) mit den Händen abreiben, bis die Körner sauber sind.
- Den feuchten Mais zu einem feinen Teig vermahlen. Ein klassischer Fleischwolf mit feiner Scheibe oder eine Steinmühle funktionieren hier am besten.
Wer das Ganze dann wirklich auf die Spitze treiben will, der kann mit unterschiedlichen Holz- und Pflanzenaschen experimentieren, oder auch mit der Mahlphase, indem man statt eines Fleischwolfs unter anderem die traditionelle Methode zweier Reibsteine nutzt. Ja, ist wirklich Overkill, aber andere basteln sich „Kettenhemden” aus Zaundraht und gehen dann auf Mittelaltermärkte, ich denke nicht, dass wir hier die größten Nerds sind.



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