Mit Wallfahrten kennt man sich in Franken aus. Auf’s Walberla rauf, oder nach Vierzehnheiligen, die Reise ist immer das Ziel. Und so brachte uns unsere Pilgerschaft an diesem schönen Samstagvormittag ins fränkische Nürnberg, um, endlich, das mystisch-gelobte Land des fränkischen Memphis BBQ zu betreten, Boogie’s.
Info: Wet, Dry, Memphis, Texas
In den USA kann man, regionale und kleinere Varianten mal außen vor, vier große „Stile” des BBQ erleben.
Das „Texas BBQ” ist einfach nur Fleisch, mit Salz, Pfeffer, und seltener etwas Cayenne oder Paprika, trocken eingerieben. Während des Räuchervorgangs treten Fleischsäfte aus, welche den Rub an das Fleisch binden und zusammen mit dem Rauch die Kruste, das Pellikel, bilden. Texas BBQ ist stark durch die Rinderzucht und den Viehtrieb in den Norden geprägt, weshalb Texas’ Hauptgericht immer das Brisket ist.
Memphis, ist auf der anderen Seite stark durch seinen Hafen am Mississippi River (der Ursprung des Memphis BBQ ist in „Harbor City”) geprägt, der der Hauptumschlaghafen für Schweine war. Von hier kommen vor allem die „Shortribs” vom Schwein und das Pulled Pork. Schwein trocknet schneller und härter im Rauch, weshalb sich in Memphis teilweise der „wet rub”, also eine Sauce, die schon vor und während des Räucherns eingesetzt wird, durchgesetzt hat. Das hat Vorteile in einem saftigeren Stück, und Nachteile, da der Rauch weniger eindringen kann. Raucharomen kommen zwar vor, sind aber auch durch die Wahl des Holzes (oft Kirsche) eher subtiler als beim texanischen Ansatz.
Bei BBQ gibt es nur eben ein kleines Problem: „Authentisch” gibt es nicht. Das Brisket ist zwar schon ein paar hundert Jahre alt und wurde vor allem von Sklaven und später den nominell freien African-Americans gekocht, aber so richtig Bekanntheit und Bedeutung erlangte es erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Und Ribs und Pulled Pork sind, wie viele andere kulinarische „Erfindungen” Amerikas Deutsch, Tschechisch und Karibisch. Jeder Pitmaster und jede Pitmistress haben ihrerseits wieder von einem Meister gelernt, und je nach Meister, Region, selbst Jahreszeit, ändern sich Zubereitungen und Geschmäcker.
Das kann man also nicht bewerten. Dann muss man halt den Geschmack bewerten. Gut, aber Geschmack ist halt, bitte nicht hauen, Geschmackssache.
Kommen wir also zu Boogie’s. Der Joint (ja, das ist der offizielle Name eines Restaurants, welches BBQ verkauft, dazu vielleicht irgendwann mal mehr, hat aber nichts mit dem Smoke zu tun) liegt, wie es sich für ein ordentliches BBQ Restaurant gehört, im Industrieviertel im Süden Nürnbergs. Das macht man schon absichtlich so, weil nicht jeder Smoke mag, und die Auflagen für Schornsteinhöhe und Filter brutal sind. Umso erstaunlicher, dass Boogie’s sich für einen Gas-Smoker (ein SP-700, wenn ich nicht ganz dumm geworden bin) entschieden hat, welcher zwar „low emission smoking” erlaubt, aber mit seinen 1–3 Holzscheiten eher kein festes Aroma erzeugt.
Bei unserem Besuch zur Mittagszeit an einem Samstag fanden wir den Innenraum zu 2⁄3 gefüllt (etwa acht Tische?), draußen war aber noch gut Platz. Getränke gibt es, sehr authentisch für einen Joint, aus dem Kühlschrank in Selbstbedienung, die Bestellung gaben wir dann aber am Tisch auf. Etwas erstaunlich: Außer den Ribs wird alles nur als Sandwich angeboten, außer man nimmt die Combo mit 150g eines beliebigen Fleisches.
Wir fragten trotzdem und durften, sogar mit 2€ Abzug, unser Fleisch standalone, also ohne Sandwich-Schnickschnack, bestellen.

Bestellt wurden die Ribs (immerhin ist das ja Memphis BBQ, und Memphis = Ribs), Brisket, Pulled Pork, und Burnt Ends. Das Letztere muss ich vielleicht kurz erklären: Traditionell werden Burnt Ends aus dem fetteren Teil der Rinderbrust, dem sogenannten „Point“, zubereitet. Wenn ein ganzes Brisket im Smoker gegart wird, wird der dickere Teil, das Flat, entfernt und gewickelt, das Point bleibt aber oft länger im Garprozess. Danach wird es in kleine Würfel geschnitten, mit viel Barbecue-Sauce vermischt und nochmals im Smoker oder Ofen gebacken, bis die Sauce karamellisiert. Wichtig ist hier, dass die Würfel Würfel bleiben, also noch etwas Biss haben, und nicht zu Pulled Beef zerfallen. Das ist wichtig, da kommen wir gleich dazu.
Als Beilagen wählten wir den Kartoffelsalat, das Coleslaw, Baked Beans, und „Chili con Carne”.
Okay, ich habe oben versprochen, hier nicht einen auf „authentisch” zu machen, aber Freunde der Raucharomen … In einem BBQ-Joint gehört kein Hackfleisch ins Chili con Carne. Der Grund, warum Carne (Fleisch) mit Chili (Soße) in Texas so entstand, war die Resteverwertung der Smoke Session des letzten Tages. Abends, nachdem der Joint geschlossen hatte, wurden die Reste mit einer scharfen Chili-Sauce übergossen und im „kühleren” Bereich des Smokers (bei ca. 58 °C) bis zum nächsten Morgen gelagert. Dazu irgendwann auch mal einen Artikel, bis dahin glaubt mir bitte einfach, dass Chili con Carne erstens nicht mexikanisch, sondern Borderlands Tex-Mex ist, und zweitens Fleischstücke und keine Bohnen beinhaltet. Stattdessen bekamen wir etwas, das sich mit viel Vorstellungskraft „con Carne” nennen durfte (kaum Carne drin), mit Bohnen überladen war, und in der Mitte einen dicken, kaum trennbaren, Batzen Käse umschlang. Sehr unangenehm.

Aber kommen wir erst einmal zum Fleisch. Das Brisket war etwas kühl für unseren Geschmack und hatte anscheinend schon länger Luft gesehen, da es recht trocken war. Immerhin war es zart, recht schmackhaft, mit einem soliden, wenn auch dünnen, Rauchring (trägt nichts zum Geschmack bei, sieht halt schön aus und zeugt von Handwerk). Das Raucharoma war eher mager, aber präsent.


Kaum anders beim Pulled Pork, welches etwas lauwarm, aber noch ausreichend saftig war, ebenfalls mit einer schön eingearbeiteten Kruste, aber dem gleichen mageren, aber präsenten Raucharoma.
Damit endete die schöne Zeit jedoch leider für uns. Die Burnt Ends waren ein, in einer extrem süßen und leicht würzigen Sauce ertränktes Pulled Beef. Ja, Sauce ist wichtig bei Burnt Ends, aber sie sollte um die Würfel herum karamellisieren und diese damit tragen, nicht das Fleisch erdrücken.

Die Ribs hatten das gleiche und umgekehrte Problem. Statt „fall off the bone tender” waren sie gerade am Rande dessen, was noch händisch vom Knochen gezogen werden konnte, und, wie es sich gehört, in einer Sauce gereicht, welche jedoch wieder das Fleisch nicht komplimentierte, sondern erdrückte. Immerhin liebt Schwein Süßes, und so war die Sauce nicht ganz so deplatziert wie bei den Burnt Ends, aber trotzdem erdrückend („cloying” nennt man das in den USA) und auf eine schlechte Art überwältigend.

Bleiben die drei anderen Beilagen. Der Coleslaw war etwas zu dick angemacht, aber das ist Geschmackssache, und wenn es den Gästen so am besten gefällt, dann stehe ich da voll dahinter. Anders der Kartoffelsalat, der einfach nur nach billigem Senf schmeckte und sonst keine Eigennoten hatte. Schade. Sehr schade. Kartoffelsalat ist mein Kryptonit. Wenn der gut gewesen wäre, dann hätte ich vielleicht einfach das Review gelassen. Aber wenn selbst der. … naja.
Die Baked Beans spielen das fast gleiche Spiel, aber hier geht die Rechnung fast auf. Würzig, fast scharf, süßlich, aber nicht komplett überwältigend, gute Bohnenkonsistenz … Davon hätte ich auch mehr essen können.
Am Ende der Mahlzeit verließen wir Boogie’s noch etwas hungrig, etwas enttäuscht, und ein wenig traurig. 70 Euro kostete uns der Spaß, mit drei Getränken.
Ich werde Boogie’s noch eine Chance geben und in ein paar Monaten noch einmal vorbeischauen. Ein Teil von mir hofft inständig, dass ich nur einen schlechten Samstag erwischt habe, aber das muss sich dann zeigen.



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