Der Süden der Vereinigten Staaten, New Mexico, Arizona, Texas, und Kalifornien, hat seine ganz eigene Küche, welche gleichermaßen durch mexikanische und Siedler-Kulturen sowie den „Cowboy” und Viehtrieb-Perioden geprägt wurden.
In Arizona hatte besonders der mexikanische Bundesstaat Sonora großen Einfluss, in Texas waren es die Anforderungen eines Lebens auf den Viehweiden und während des Cattle Drive nach Norden, in Kalifornien beeinflusste Baja California, der mexikanische Gegenspieler zu US-Kalifornien, die Küche durch eine Konzentration auf Fisch und frisches, gegrilltes oder roh zugeführtes Gemüse, und in New Mexico erlangte der Hatch Chile (rot oder grün) Weltruhm und beeinflusste Geschmacksprofile.
In diesem Schmelztopf der großen und starken Geschmacksprofile ist meine kulinarische Heimat. Scharfe Töne, rauchige Untertöne, frische Zutaten, und einfache Rezepte. Das ist mein „Bias”, meine Voreingenommenheit. Ich kann komplexe Gerichte bewundern und das Geschick des Kochs erkennen, aber wenn ich eine letzte Mahlzeit wählen könnte, dann wären es der Geschmack und die Gerüche der Borderlands Cuisine.
Chili con Carne, ein ikonisches Borderlands-Gericht, ist übrigens texanisch, nicht mexikanisch. Entstanden im San Antonio des 19. Jahrhunderts, populär gemacht von den Chili Queens auf der Military Plaza. Und industrialisiert von—hallo—William Gebhardt, einem deutschen Einwanderer in New Braunfels, der 1894 das erste kommerzielle Chilipulver patentierte. Ein gutes Stück Tex-Mex-DNA ist deutsch.
1848 endet der Mexikanisch-Amerikanische Krieg mit dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo. Mexiko verliert rund die Hälfte seines Staatsgebiets. 1853⁄54 schiebt der Gadsden-Kauf (mexikanisch: Venta de La Mesilla) die Linie noch ein Stück weiter nach Süden, damit eine Eisenbahntrasse durchpasst. Innerhalb von sechs Jahren finden sich Zehntausende Menschen samt Tortillapresse, Herd und Rinderherde auf der anderen Seite einer Linie wieder, die niemand von ihnen gezogen hat.
Was danach passiert, ist also keine Migration einer Küche, sondern eine Zerschneidung einer Kulturregion – und anschließend zwei getrennte Entwicklungspfade mit ständigem Durchsickern in beide Richtungen.
Baja California → Kalifornien
Ikonisch unten: Der taco de pescado aus Ensenada – Fisch im Bierteig, frittiert, Weißkohl, crema, Limette. Dazu Meeresfrüchte-Tostadas, Seeigel aus Puerto Nuevo, Austern. In Mexicali eine ganze chinesisch-mexikanische Küche (La Chinesca), Erbe der Eisenbahn- und Baumwollarbeiter. Seit ein paar Jahrzehnten das Valle de Guadalupe als Weinregion und die Baja Med-Bewegung (Miguel Ángel Guerrero, ca. 2008): mexikanische Basis, mediterrane und asiatische Technik.
Und der Caesar Salad. Ja, wirklich: Cesare Cardini, Tijuana, um 1924. Erfunden für durstige Kalifornier, die während der Prohibition über die Grenze fuhren. Ein „amerikanischer” Salat, der ein Grenzgeschöpf ist.
Nach oben gewandert: Der Fisch-Taco kommt 1983 mit Ralph Rubio nach San Diego und ist heute Kalifornien-Standard. Kalifornien hat dann eigenes draufgesetzt: den Mission Burrito (San Francisco, 1960er – Reis rein, Alufolie drum, doppelt so groß) und den California Burrito (San Diego: Carne asada plus Pommes frites, was so falsch ist, dass es wieder richtig wird).
Burrito kennt man in weiten Teilen Mexikos praktisch überhaupt nicht. Es ist ein Nordgericht, und der große Wickelburrito ist eine kalifornische Mutation.
Sonora → Arizona
Der wichtigste Staat für das Verständnis der ganzen Region, weil hier zwei Dinge zusammenkommen: Weizen und Rind.
Ikonisch unten: die tortilla de harina – Weizentortilla. Sonora ist ihr Kernland; die Sobaqueras sind so dünn und groß, dass man Zeitung durch sie lesen kann. Dazu carne asada als soziale Institution, machaca (getrocknetes, zerfasertes Rind), coyotas (Piloncillo-Gebäck aus Villa de Seris), chiltepín – die wilde Ur-Chili, die in der Sierra gesammelt wird.
Nach oben gewandert: Tucson lebt davon. Der Cheese Crisp, die flachen Sonoran-Enchiladas aus Masa-Küchlein, die Chimichanga (Ursprung umstritten – Tucson, Phoenix und Sonora reklamieren sie alle). Tucson ist seit 2015 UNESCO City of Gastronomy, im Wesentlichen wegen dieser Linie.
Und ein schönes Rückwanderungsbeispiel: der Sonoran Hot Dog – Speckmantel, Pintobohnen, Tomate, Mayo, Senf, Jalapeño-Salsa, in einem bolillo-artigen Brötchen. Ein amerikanisches Würstchen, in Hermosillo mexikanisiert, dann in den 1990ern nach Tucson zurückgewandert, wo es heute als Arizona-Spezialität gilt.
Chihuahua → New Mexico & Texas
Ikonisch unten: Burritos. Ciudad Juárez gilt als plausibelster Ursprungsort – schmale Weizentortilla, ein bis zwei Füllungen, gerollt, fertig. (Der aufgeblasene US-Burrito mit sieben Zutaten ist eine spätere kalifornische Erfindung.) Dazu Discada: geschmortes Allerlei auf einer alten Pflugscheibe über offenem Feuer, der Norden in einem Gerät. Carne seca, chile colorado, chile pasado (geröstet und getrocknet).
Und der Käse. Ab 1922 siedeln Mennoniten aus Kanada bei Cuauhtémoc. Ihr Produkt – Queso menonita, international Queso Chihuahua – ist ein schmelzender, milder Käse, der die nordmexikanische Küche verändert: queso fundido, choriqueso, alles überbacken, was sich überbacken lässt, und dann auch noch Sachen, die man am besten nicht überbacken sollte. Das ist die technische Vorstufe für das, was in Texas später als chile con queso aus dem Schmelzkäse-Eimer kommt.
Nach oben gewandert: Der Burrito nach El Paso, der Käse ins Konzept.
Coahuila → Texas
Ikonisch unten: Asado de puerco (Schwein, lang in Chilesoße geschmort), machacado con huevo zum Frühstück, das Süßgebäck von Saltillo. In Parras steht mit der Casa Madero (1597) die älteste Weinfabrik des amerikanischen Doppelkontinents.
Und der eigentliche Star: Nachos. Piedras Negras, 1940. Ignacio „Nacho” Anaya improvisiert für eine Gruppe US-Offiziersfrauen aus Fort Duncan im gegenüberliegenden Eagle Pass etwas aus dem, was da ist: frittierte Tortilladreiecke, Käse, Jalapeño. Ein Gericht, das buchstäblich an der Grenze für Grenzgängerinnen erfunden wurde – und heute in jedem Kino der Welt liegt.
Nuevo León → Texas
Ikonisch unten: Cabrito al pastor – Milchzicklein am Spieß über Mesquite-Glut, Monterreys Nationalgericht. Es gibt eine gut belegte These, dass dieses Gericht auf sephardische Siedler des Nuevo Reino de León im 16. Jahrhundert zurückgeht – Ziege statt Schwein. Dazu machacado con huevo, glorias aus Linares (Karamell mit Pekannüssen) und die carne asada als Wochenendliturgie.
Nach oben gewandert – das große Ding: Arrachera, der Zwerchfellmuskel des Rindes. Im Rio Grande Valley bekamen Vaqueros beim Schlachten die „wertlosen” Teile als Naturallohn: Kopf (→ barbacoa), Innereien (→ menudo) und eben das Saumfleisch. Über offenem Feuer gegrillt, quer zur Faser geschnitten, in Tortilla – das ist die Fajita. Kommerziell zuerst bei Sonny Falcon in Kyle, Texas (1969), berühmt gemacht von Ninfa Laurenzo in Houston (1973). Ein Armeleutestück, das heute doppelt so viel kostet wie das Steak, das die Bosse damals bekamen.
Fajitas sind mexikanisches Fleisch mit texanischem Namen – fajita („Gürtelchen”) ist in Mexiko als Gerichtsname unüblich; dort heißt es arrachera.
Tamaulipas → Texas
Ikonisch unten: Golfküste, also Krabbe (jaiba), Ceviches, gefüllte Krebse, bocoles aus der Huasteca.
Nach oben gewandert – strukturell das wichtigste Gericht überhaupt: Carne asada a la tampiqueña. 1939 von José Inés Loredo als Hommage an Tampico komponiert: ein längliches Stück Rind, dazu eine Enchilada, Bohnen, Guacamole, Streifen von rajas – alles auf einem Teller. Das ist der Urahn des Tex-Mex Combination Plate. Die Idee, mehrere kleine Gerichte als ein großes Tellerarrangement zu servieren, ist kein amerikanischer Einfall, sondern kommt fertig aus Tamaulipas.
Und dann New Mexiko …
New Mexico ist der Sonderfall. Es ist nicht Tex-Mex und will es auch nicht sein. Die Siedlungslinie ist älter – Oñate 1598, also fast 250 Jahre vor der Grenzziehung, angebunden über den Camino Real de Tierra Adentro an Chihuahua und Mexico City. Die Nuevomexicanos sind keine Einwanderer, sondern die Bevölkerung, um die herum sich die USA gebildet haben. Ihre Chile-Sorten (Hatch, Chimayó) sind lokale Landrassen; Chile ist dort die Soße, nicht ein Gewürz. Die Staatsfrage im Restaurant lautet „Red or green?”, die Antwort „Christmas” bedeutet beides.