Basics: Die BBQ Stile, und woher sie kommen

Stile

Memphis

Mem­phis: dünn gesauc­te Ribs über Hickory

Mem­phis ist Musik und Lebens­freu­de, Elvis Pres­ley, BB. King und John­ny Cash nah­men Alben im legen­dä­ren Sun Stu­dio auf, und Pres­leys Grace­land-Vil­la ist eine belieb­te Attraktion

Die His­to­rie hängt am Mis­sis­sip­pi: Mem­phis war Han­dels­kno­ten, Schwein war bil­lig, Melas­se kam fluss­auf­wärts – dar­aus ent­stand die süß­säu­er­li­che Sau­cen-Basis. Geräu­chert wird klas­sisch über Hick­ory. Und mit dem „Mem­phis in May”-Wettbewerb hat die Stadt sich selbst zur Welt­haupt­stadt des Schwei­ne-BBQ gekrönt, was der Rest des Südens natur­ge­mäß anders sieht. Seit jeher wur­den die Ladun­gen der Schif­fe schon direkt am Hafen ent­la­den und sofort dem Smo­ker zuge­führt. Auch heu­te noch ist Har­bor Town auf der West­sei­te des Mis­sis­sip­pi eine belieb­te Par­ty-and-Dine Gegend, in der sich BBQ Joint an Spea­k­ea­sy kuschelt, Live-Musik aus allen Türen quillt, und der Geruch von Hick­ory in der Luft liegt. Lebens­freu­de, halt.

Hier gibt es Ripp­chen und Pul­led Pork von der Schul­ter, sonst wenig. Die Beson­der­heit ist die Zwei­tei­lung in wet (mit Sau­ce gla­siert) und dry – letz­te­re nur mit Gewürz­mi­schung, kein Trop­fen Sau­ce, berühmt gemacht vom Ren­dez­vous in der Innen­stadt, wo Char­lie Ver­gos ab 1948 sei­ne grie­chisch gepräg­te Rub-Mischung auf die Ribs klopf­te. Wenn Sau­ce, dann dünn bis mit­tel, toma­tig, mit Essig und Melas­se – süß, aber nicht so dick­flüs­sig wie in Kan­sas City.

Mem­phis ist dün­ne, süße, Sau­ce oder Dry Rub, über Hick­ory (weil das über­all wächst) geräu­chert, ser­viert mit Kartoffelsalat.

Kansas City

Kan­sas City: dicke, melas­si­ge, Sau­ce, die wäh­ren und nach dem Smo­ken auf­ge­tra­gen wird.

KC ist der Schmelz­tie­gel – hier wird alles geräu­chert: Schwein, Rind, Huhn, Wurst, Trut­hahn. Die eigent­li­che Iko­ne sind die Burnt Ends, die knusp­rig-fet­ti­gen Wür­fel aus dem Bris­ket-Point, die bei Arthur Bryant’s ursprüng­lich als Abfall gra­tis über den Tre­sen gin­gen, bis Cal­vin Tril­lin sie 1972 in einem Arti­kel hei­lig­s­prach. Heu­te sind sie eigen­stän­di­ges Gericht und wer­den gezielt produziert.

Der Stil geht auf Hen­ry Per­ry zurück, einen afro­ame­ri­ka­ni­schen Pit­mas­ter aus der Gegend um Mem­phis, der ab etwa 1908 in KC aus einem Stra­ßen­stand her­aus räu­cher­te – aus sei­ner Linie kom­men Arthur Bryant’s und Gates, die bei­den Dynas­tien der Stadt. Das Mar­ken­zei­chen ist die Sau­ce: dick, süß, Toma­te und Melas­se, mit leich­ter Schär­fe – das, was welt­weit im Super­markt als „BBQ-Sau­ce” ver­kauft wird, ist im Grun­de KC-Stil. 

KC BBQ ist dicke, leicht schar­fe, Sau­ce. Geräu­chert wird über Hick­ory und Obst­holz, und ser­viert wird das Gan­ze mit vie­len Bei­la­gen und auch mal auf Brot oder Brötchen.

Texas (die Mutter aller BBQ)

Texas: all rub, no sauce

Texas ist genau genom­men vier Sti­le (East, Cen­tral, South mit Bar­ba­coa, West/Cowboy), aber wenn man „Texas BBQ” sagt, meint man Cen­tral Texas: Bris­ket, Beef Ribs, Sau­sa­ge. Rind regiert. Als Land der „Catt­le Dri­ves” und Rin­der­her­den war Texas dafür ein­fach prä­de­sti­niert. Sei­ne Sti­le wur­den stark durch zwei Grup­pen beein­flusst: afro­ame­ri­ka­ni­sche Skla­ven und spä­ter „freed men”, die aus den bil­li­ge­ren und damit erschwing­li­chen Schnit­ten mit Wür­ze und Zeit groß­ar­ti­ges Essen zau­ber­ten, und die deut­schen und tsche­chi­schen Ein­wan­de­re­re, die den Groß­teil des Unter- und Mit­tel­stan­des ausmachten.

Letz­te­re betrie­ben im 19. Jahr­hun­dert Flei­sche­rei­en im Hill Coun­try, und was am Wochen­en­de nicht ver­kauft war, wur­de geräu­chert und über den Tre­sen an Feld­ar­bei­ter ver­kauft – daher das Papier, daher die Karg­heit. Kreuz Mar­ket, Smitty’s und Black’s in Lock­hart ste­hen bis heu­te für die­se Meat-Mar­ket-Tra­di­ti­on. Geräu­chert wird über Post Oak in Off­set-Pits – mil­des, gleich­mä­ßi­ges Holz, das dem Rind Raum lässt, statt es zu übertönen. 

Die Wür­zung ist radi­kal redu­ziert – Salz und gro­ber Pfef­fer, der „Dal­ma­ti­an Rub” – und Sau­ce ist bes­ten­falls gedul­det, oft gar nicht auf dem Tisch. Ser­viert wird auf Metz­ger­pa­pier, mit Weiß­brot, Zwie­beln und Gur­ken. „No Sau­ce, no pla­tes, no cut­lery” ist das Mot­to. Wer nach sowas fragt, der wird im bes­ten Fal­le komisch angeschaut.

Cen­tral Texas BBQ ist über Post Oak geräu­cher­tes, ein­fach gewürz­tes, Fleisch.

Holz

Mem­phis ist Hick­ory-Land. Hick­ory wächst im gan­zen Süd­os­ten in Mas­sen, brennt heiß und lang und gibt einen kräf­ti­gen, spe­ckig-süßen Rauch, der gut zu Schwein passt. Für Ribs wird gern etwas Obst­holz (Apfel, Kir­sche) bei­gemischt, um die Süße zu beto­nen. Pekan­nuss – bota­nisch ein Hick­ory-Ver­wand­ter, aber mil­der und nussi­ger – ist die ele­gan­te Alter­na­ti­ve im Mitt­le­ren Süden.

Hick­ory

Kan­sas City räu­chert am liebs­ten gemischt, was zum Alles-Räu­che­rer-Cha­rak­ter passt: Hick­ory als Basis, Eiche für die Län­ge, dazu Apfel oder Kir­sche für Far­be und mil­de­re Süße – gera­de bei Huhn und Trut­hahn, die von purem Hick­ory schnell erschla­gen wer­den. Kir­sche ist außer­dem beliebt, weil sie eine tief­ro­te Krus­te zau­bert, was auf Wett­be­wer­ben Punk­te bringt.

Texas (Cen­tral) ist dog­ma­tisch: Post Oak (Pfahl-Eiche), und zwar fast aus­schließ­lich. Der Baum steht über­all im Hill Coun­try, brennt sau­ber und gleich­mä­ßig und gibt einen mil­den, aus­ge­wo­ge­nen Rauch – bei 12 bis 16 Stun­den Bris­ket-Gar­zeit will man nichts Aggres­si­ves, sonst schmeckt das Ergeb­nis wie ein Aschen­be­cher. In East Texas dage­gen eher Hick­ory und Pekan­nuss (näher an der Süd­staa­ten-Tra­di­ti­on), im Süden Rich­tung Rio Gran­de auch Mes­quite – das brennt aller­dings schnell, heiß und scharf-erdig und eig­net sich eher fürs direk­te Gril­len als für lan­ge Räu­cher­gän­ge; dar­um ist es eher ein Grenz­land- und Cow­boy-Ding als klas­si­sches Low-and-Slow-Holz.

Post Oak

Faust­re­gel: je kräf­ti­ger das Fleisch, des­to kräf­ti­ger darf das Holz sein – und wer strei­ten will, behaup­tet in Lock­hart, Mes­quite sei bes­ser als Post Oak.

Texas BBQ Breakdown

Texas ist rie­sig und alles ist grö­ßer in Texas, so auch die Lie­be für’s BBQ und die Streit­bar­keit sei­ner Anhän­ger. Wür­de man Texas auf einer Kar­te Euro­pas über­la­gern, dann wäre der Süden irgend­wo in Nord­ita­li­en, der Nor­den in Kopen­ha­gen, der Osten irgend­wo hin­ter Prag, und der Wes­ten fast in Groß­bri­tan­ni­en. Ent­spre­chend vari­iert ist das BBQ hier.

East Texas

East Texas ist kul­tu­rell der Aus­läu­fer des tie­fen Südens – die Tra­di­ti­on kommt aus der afro­ame­ri­ka­ni­schen Küche der Baum­woll­re­gi­on und ist enger mit Mem­phis und den Caro­li­nas ver­wandt als mit Lock­hart. Hier domi­niert Schwein neben Rind, das Fleisch wird low and slow bis zur völ­li­gen Zart­heit gegart – „fal­ling off the bone” ist hier ein Kom­pli­ment, wäh­rend es in Cen­tral Texas als über­g­art gilt. Typisch: gehack­tes statt geschnit­te­nes Fleisch, auf Bröt­chen als Sand­wich, mit reich­lich süßer, toma­ti­ger Sau­ce – die ein­zi­ge texa­ni­sche Schu­le, in der Sau­ce selbst­ver­ständ­lich dazugehört.

His­to­risch ist das die ältes­te kon­ti­nu­ier­li­che BBQ-Tra­di­ti­on des Staa­tes: Sie ent­stand aus den Koch­tech­ni­ken ver­sklav­ter Men­schen und wur­de nach der Eman­zi­pa­ti­on in schwar­zen Com­mu­ni­ties wei­ter­ge­tra­gen – oft an Kir­chen, bei June­te­enth-Fei­ern und in Fami­li­en­be­trie­ben. Läden wie Patillo’s in Beau­mont (seit 1912) ste­hen für die­se Linie. Geräu­chert wird über Hick­ory und Pekan­nuss, und eine Eigen­heit sind die hot links – gro­be, pfeff­ri­ge Rinds­würs­te, in Beau­mont als „Jui­cy Links” mit fast brei­iger Tex­tur eine eige­ne Wissenschaft.

Central Texas

Die Meat-Mar­ket-Tra­di­ti­on, über die wir schon spra­chen – deut­sche und tsche­chi­sche Metz­ger im Hill Coun­try (Lock­hart, Luling, Tay­lor, Elgin), die ab Mit­te des 19. Jahr­hun­derts übrig geblie­be­nes Fleisch räu­cher­ten und pfund­wei­se auf Papier ver­kauf­ten. Dar­aus wur­de das Dog­ma: Bris­ket, Beef Ribs, Sau­sa­ge; Salz und Pfef­fer; Post Oak; Off­set-Pit; kei­ne Sau­ce, kein Besteck, kei­ne Dis­kus­si­on. Die Bei­la­gen – Cra­cker, Weiß­brot, Zwie­beln, Gur­ken, Käse – sind schlicht das, was im Laden ohne­hin im Regal stand.

Das Lock­hart Smoke­house in Pla­no, TX. Hier habe ich BBQ gelernt und mei­nen Pit App­ren­ti­ce gemacht.

Inter­es­sant ist, wie jung der Bris­ket-Kult eigent­lich ist: Bis in die 1950er/60er räu­cher­ten auch die Lock­hart-Läden eher Schul­ter und ande­re Cuts; Bris­ket setz­te sich erst durch, als es durch die stan­dar­di­sier­te Fleisch­in­dus­trie bil­lig und ver­läss­lich ver­füg­bar wur­de. Die Wurst-Sei­te hat ihre eige­ne Geo­gra­fie – Elgin mit sei­nen „hot guts” (gro­be Rinds­wurst mit ordent­lich Cayenne, Souths­ide Mar­ket seit 1882), tsche­chisch gepräg­te Klo­bá­sa-Vari­an­ten in Tay­lor und West (der Stadt, nicht der Him­mels­rich­tung). Seit Aaron Frank­lin um 2010 ist die­ser Stil zum welt­wei­ten Syn­onym für Texas BBQ gewor­den – inklu­si­ve der absur­den Schlan­gen und der Craft-BBQ-Wel­le, die dar­aus ent­stand. Bär­ti­ge Män­ner in Leder­schür­zen mit schwar­zen Latex-Hand­schu­hen und 20 Euro für 100g Fleisch? Das ist das (trau­ri­ge) Resultat. 

Die Pits in Ter­ry Black’s BBQ in Aus­tin, Texas. Hier habe ich gan­ze Näch­te ver­bracht, mei­nen Pit Mas­ter gemacht, und gelernt, dass man sich nicht im Halb­schlaf aus ver­se­hen an ein Ofen­rohr leh­nen sollte.

South Texas / Barbacoa

Süd­lich von San Anto­nio Rich­tung Rio Gran­de wird es mexi­ka­nisch: Bar­ba­coa ist die ältes­te Wur­zel des gan­zen Gen­res – das Wort Bar­be­cue kommt über das Spa­ni­sche vom kari­bi­schen bar­ba­coa der Taí­no. Die süd­texa­ni­sche Vari­an­te ist tra­di­tio­nell Rin­der­kopf (bar­ba­coa de cabe­za), über Nacht in einem Erd­loch (pozo) auf Mes­quite-Glut gegart, ein­ge­wi­ckelt in Maguey-Blät­ter oder feuch­te Säcke. Das Ergeb­nis ist kein Sli­ced Meat, son­dern but­ter­wei­ches, zer­zupf­tes Fleisch – Wan­gen (cache­te) gel­ten als Filet­stück –, ser­viert in war­men Tor­til­las mit Sal­sa, Zwie­beln, Kori­an­der, Limette.

Back­yard BBQ („Pozo”) von Vera’s.

Das Gan­ze ist Wochen­end- und Fami­li­en­es­sen – klas­sisch der Sonn­tag­mor­gen nach der Kir­che, gekauft beim Bar­ba­coa-Stand oder der moli­no. Gesund­heits­äm­ter haben die Erd­loch-Metho­de weit­ge­hend in Dampf­ga­rer und Öfen ver­drängt, aber ein paar Läden (etwa Vera’s in Browns­ville, mit Son­der­ge­neh­mi­gung) machen es noch ori­gi­nal en pozo. Ver­wandt ist die Ranch-Tra­di­ti­on des pit bar­ba­coa auf den gro­ßen süd­texa­ni­schen Ran­ches wie der King Ranch, wo mexi­ka­ni­sche vaque­ros gan­ze Tie­re für die Mann­schaft gar­ten – die eigent­li­che Ursze­ne des texa­ni­schen Rinder-BBQ.

West Texas / Cowboy Style

Der Außen­sei­ter, denn streng genom­men ist es gar kein Bar­be­cue, son­dern direk­tes Gril­len. Außer in Deutsch­land (und Aus­tra­li­en), anschei­nend, wo Bar­be­cue immer noch syn­onym mit Gril­len ver­wen­det wird. Cow­boy style heißt Fleisch über offe­ner Mes­quite-Glut, heiß und rela­tiv schnell, ohne stun­den­lan­gen Rauch­ver­lauf. Mes­quite ist im tro­cke­nen Wes­ten schlicht das ein­zi­ge Holz, das in Men­ge wächst – es brennt schnell, sehr heiß und aro­ma­tisch-scharf, was bei kur­zen Gar­zei­ten groß­ar­tig und bei lan­gen unge­nieß­bar ist. Das Mate­ri­al bestimmt die Methode.

Die Wur­zeln lie­gen bei den Chuck­wa­gon-Köchen der Vieh­trie­be im 19. Jahr­hun­dert, die am Weges­rand koch­ten, was Her­de und Land­schaft her­ga­ben. Typisch sind Steaks, Cabri­to (Zick­lein) und kräf­ti­ge Cuts, dazu Boh­nen und Sau­er­teig-Bis­cuits aus dem Dutch Oven (wie gesagt, ich schul­de dem Blog eine Erklä­rung, wie es zu mei­nem Spitz­na­men kam). Heu­te lebt der Stil in Ranch-Kul­tur und Klein­stadt-Läden wei­ter – und iro­ni­scher­wei­se hat er über Ket­ten wie Hard Eight oder Cooper’s in Llano („big chop”) wie­der über­re­gio­na­le Strahl­kraft: Dort liegt das Fleisch offen über der Mes­quite-Glut, man zeigt am Pit auf sein Stück, und es lan­det direkt auf dem Tablett.

Das Fleisch­an­ge­bot im Hard Eight, Dal­las, mei­ner min­des­tens ein­mal die Woche Wall­fahrt an den Altar des Cow­boy Style BBQ. Nor­mal waren Links, Ribs, und Pul­led Pork, manch­mal auch etwas Schul­ter („But­te”).

Wenn man so will: East ist der Süden, Cen­tral ist Mit­tel­eu­ro­pa, South ist Mexi­ko, West ist die Fron­tier – die vier Sti­le sind im Grun­de eine Ein­wan­de­rungs­kar­te von Texas in Rauchform.